abdate 25122023
Das persönliche Diarum des künstlerischen Leiters
Der Ursprung des Linzer Redoutensaals geht auf ein Ballhaus zurück, das Ende des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. 1773 setzte der Barockbaumeister Johann Baptist Gangl im Auftrag der Landstände den Redoutensaal auf das Ballhaus auf. In den kommenden Jahrhunderten war es Austragungsort für viele gesellschaftliche Ereignisse, Theateraufführungen, Landtagssitzungen, Empfänge für Mitglieder des Kaiserhauses und Bälle. 1989 fand mein Maturaball an diesem Ort statt. Es ist jener unveränderte Ort, an dem 121 Jahre zuvor, am 9. Mai 1868 Bruckners erste Sinfonie unter seiner Leitung uraufgeführt wurde. In einem Raum der mit 250 Quadrameter in etwa so groß ist, wie die Bühne des Wiener Musikvereins. Der Linzer Abendbote berichtete von der Uraufführung von einer „Reihe genialer Geistesfunken“, die „den Zuhörer teilweise förmlich elektrisiren.“ Im Gegensatz zu mir schätzte Anton Bruckner die Tanzkultur, volksmusikalisch wie bürgerlich. In seinen Kalendern notierte er feinsäuberlich die von ihm besuchten Bälle samt Namen der Tanzpartnerinnen. Marie Madeleine Dürrnberger, die Nichte seines ersten Musiktheorielehrers, berichtete 1857 in einem Brief an ihren Bruder „[…] Schon glaubte ich, während einer Quadrille sitzenbleiben zu müssen, doch ein guter Genius erbarmte sich meiner, sandte mir Bruckner, den Du wohl kennen wirst, und ich ward erlöst; überhaupt hat er sehr viel mit mir getanzt und ist ein ziemlich guter Tänzer.“
Im Redoutensaal habe ich in den letzten Jahrzehnten nicht getanzt, aber Theater und Flöte gespielt, Weihnachtsfeiern und unzählige Ehrungen erlebt, mein erstes Buch präsentiert, für literarische Interventionen bei einem Klavierabend einen veritablen Verriss geerntet, über den ich mich gefreut habe, da ein sehr ernsthafter mir zugewandter Rezensent nicht mit seiner Wahrnehmung zurückgehalten hat. Nichts geht über Zuwendung, die es ernst meint.
Im Redoutensaal fand am ersten Dezemberwochenende 2023 ein „Tremolo“, ein Präludium zum Bruckner-Jahr, statt. „Mein“ Bruckner Orchester Linz spielte unter der Leitung von Markus Poschner die erste und die „annullierte“ Sinfonie. 155 Jahre nach der Uraufführung erklang die „Erste“ erstmals wieder an dem Ort, an dem es sie das erste Mal gespielt und gehört wurde. Die Orchesterbesetzung entsprach der Größe bei der Uraufführung und war entsprechend viel kleiner, als es heute in den großen Sälen üblich und notwendig ist. Markus Poschner führte mit dem Orchester in die Sinfonien ein, wie es nur er vermag, kundig bis in den letzten Winkel, charismatisch in der Vermittlung. Es sind drei Wochen seit diesem Ereignis, das ich als solches bezeichnen muss, vergangen, täglich sprechen mich bekannte und unbekannte Menschen unterwegs darauf an. Ein naheliegendes Ereignis, das Nähe versucht und geschaffen hat.
Der „Genius loci“, der Geist des Ortes weht. Das Bruckner-Jahr kann kommen, es ist längt da und Bruckners Musik sowieso ewig.
Norbert Trawöger // Künstlerischer Leiter Anton Bruckner 2024

Foto: BOL

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