Vom Wind der Unverfügbarkeit.

Eine Orgelrede von Norbert Trawöger zum festlichen Auftakt der Orgelweihe der Kaiser Jubiläums Orgel in der Pfarrkirche Bad Ischl, gehalten am 16. Dezember 2023

Liebe Zuhörende,
ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass in Zugehörigkeit das Gehör steckt?

Die Ohren machen den Anfang. Im Mutterleib erwacht unser Gehör als allererster Sinn im fünften Schwangerschaftsmontag und erlischt, ertaubt erst 24 Stunden nach unserem Tod, was medizinische Forschungen bezeugen. Wir Menschen fangen mit den Ohren an und hören mit ihnen auf, mit den Ohren gehören wir der Welt an. Mit ihnen kommen, treten, gehen wir mit anderen in Verbindung. Es ist das Unsichtbare, das Hörbare, das uns Zugehörigkeit erfahren lässt.

Ich danke den Einladenden für das Zutrauen, dass ich hier und heute etwas zu sagen hätte. Ich bin ja schon dabei, mittendrin und muss gestehen, dass ich den Wörtern, die mit zu anfangen, sehr viel zutraue; wie der Zuneigung, der Zustimmung, der Zusage, der Zusammengehörigkeit, dem Zuhören, dem Zugang, auch dem Zuschuss und ganz besonders dem Zufall. Und ich denke auch, dass wir uns die Zumutung wieder mehr zumuten müssen, da steckt viel Mut drinnen.

Ich sage dies hier in einem Raum, der das Zusammenkommen kultiviert, fokussiert, die Gemäuer, das Mobilar, die künstlerische Gestaltung, die Ausstattung, die Architektur sind dafür geschaffen. Das Charisma eines Raums, wenn es ein solches gibt, mag an seiner idealen Lage, stimmigen Beschaffenheit und geeigneten Bauart liegen, kommt wohl aber nie zum Erblühen, wenn dieses nicht durch den Menschen erdacht, beatmet und belebt wird. Orte werden durch deren Nutzung und Bewohnung imprägniert.

Forschungen haben ergeben, dass jedes Schallereignis im umgebenden Material gespeichert wird. Ein faszinierender Gedanke, dass wir das in Jahrhunderten Gesprochene, Gedachte, Gesungene oder Gespielte, wie wohl auch allen Lärm, im Mauerwerk erlauschen können – als würden wir eine Muschel ans Ohr legen und glauben, das Rauschen des Meeres zu hören. Es ist nicht das Meer. Es sind vielmehr die Geräusche aus der Umgebung, die sich in der Muschel verstärken. Der Hohlkörper des Schneckengehäuses wirkt akustisch wie eine Resonanzkammer. Es lässt uns nichts anderes als das umgebende Jetzt hören. Entscheidend ist das Leben, das in Räumen steckt.

Wenngleich ich als Musiker gestehen muss, dass ich einiges dafür geben würde, eine Improvisation Anton Bruckners – gerade hier an diesem Ort, an dem er so legendäre vollbracht hat – nachhören zu können. Für die Zugewandten mit gespitzten Ohren stecken Bruckners Improvisationen immer noch im Gemäuer. Auch wenn Bruckner diese Orgel nie gespielt hat, sie kam für ihn zu spät, wenn ich auch sicher bin, dass er große Freude mit ihr gehabt hätte. Vom „Genius loci“ spricht man schnell und ist sich nicht bewusst, dass dies den „Geist des Ortes“ meint. Wie lebendig dieser weht, liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, an uns. Sich das Unvorstellbare vorzustellen, stärkt die Fantasie.

Der Geist dieses Ort umfasst viel mehr, dieser Resonanzraum ist dafür geschaffen, letztlich an das Ungreifbare, an das Mysterium, das Geheimnis des Menschseins zu erinnern, und dabei Vergebung und Verwandlung als menschliche Möglichkeiten zu feiern.

Dabei kommt die Musik ins Spiel, sie kann nicht anders als gespielt und gehört zu werden.

Für Umberto Eco ist die Schmiede der ursprüngliche Ort aller Musik. Der Rohstoff muss zum Glühen gebracht werden, um geformt zu werden. Der Windbalg bläst, das Feuer knistert und das glühende Metall wird in vielfältig perkussiver Art vom Hammer in Form gebracht. „Die Stärke und Schwäche der Töne, ihr Druck, Schnellen, Ziehen, Stossen, Beben, Brechen, Halten, Schleppen und Fortgehen“, machen laut Carl Philip Emanuel Bach einen guten musikalischen Vortrag aus, der dies in seinem Lehrwerk „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ schreibt. Bach war im Übrigen der zweitgeborene, überlebende Sohn Johann Sebastian Bachs, der mit zwei Frau 20 Kinder hatte. Die Bachsche Anweisung könnte auch die Beschreibung von Handwerksgeräuschen an einem archaisch verrauchten Schmiedeort sein, in dem Feuer und Wind, Hammer und Zange eine zentrale Rolle zukommen. Ich denke an die Orgelbauer der Vergangenheit und Gegenwart: Wieviele Handgriffe und Geräusche, wieviel Kunstfertigkeit, Erfahrung und Wissen braucht es, um so ein Instrument wie wir es hier haben zu errichten. Noch dazu so ein selten umfassendes, wie wir es hier vorfinden, mit dieser seiner Geschichte.

Der Blasebalg der Orgel muss mit Luft gefüllt werden, die Register je nach Klangfarbenwunsch gezogen, das Manual und Pedal geschlagen – wie man in früheren Tagen sagte – und getreten werden. Die Orgel wurde im Falle Bruckners zur Talenteschmiede. Faszinierend ist, dass der Klang, die Stimme(n) der Orgel im Raum unabhängig vom Spielenden in gewisser Weise der Zeit enthoben zu sein scheint; so flüchtig die Musik, so sehr ist sie immer Gegenwart. Sie ist eine Gegenwartsbeschafferin, eine Raumschafferin.

Musik kann gar nicht alt genug werden, um nicht erst im Augenblick, in dem sie gespielt und gehört wird, lebendig, sehr jung zu sein. Das Alter ist beim Spielen und Hören völlig irrelevant, es passiert dann, wenn es passiert, im Jetzt! Dieser Klang verbindet uns, die Hörenden, auch über die Jahrhunderte. Die Kirchen und ihr Klang sind Resonanzräume, die Zusammengehörigkeit stiften.

Die Orgel ist aber keine Illustrationsmaschine, um liturgische Vorgänge zu untermalen, sie sorgt dafür, dass mit der Musik der Wind der Gegenwart weht, sie macht Stimmung, trägt uns beim gemeinsamen Singen, spielt und vor und spielt nach. Sie hockt hinten auf der Empore, als ob sie uns den Rücken freihalten wollte, in dem Fall hat sie sogar eine verbindende Klangfiliale vorne, was ihre umfassenden Wirkmächtigkeit nur unterstreicht. Freilich geht nichts ohne die Spielenden, eine Königin des Kaisers muss man erst mal im Griff haben, zügeln, dies erfordert einem bestimmten musikalischen Menschenschlag, mit viel Vermögen, Fähigkeiten, Ausdauer und Talent und dies mit Händen, Herz, Hirn und Füssen!

Die Orgel mahnt diesen Ort als Resonanzraum ein, einen Raum der Unverfügbarkeit. Unablässig versuchen wir moderne Menschen, die Welt in Reichweite zu bringen: sie ökonomisch verfügbar und technisch beherrschbar, wissenschaftlich erkennbar und politisch steuerbar und zugleich subjektiv erfahrbar zu machen. Dabei droht sie uns aber stumm und fremd zu werden: Lebendigkeit entsteht aus der Akzeptanz des Unverfügbaren, wie es Hartmut Rosa beschreibt. Gegen diese fortschreitende Entfremdung zwischen Mensch und Welt setzt Rosa die „Resonanz“, als klingende, unberechenbare Beziehung mit einer nicht-verfügbaren Welt.

Zur Resonanz kommt es, wenn wir uns auf Fremdes, Irritierendes, auf das Geheimnis, das Ungreifbare einlassen, auf all das, was sich außerhalb unserer kontrollierenden Reichweite befindet. Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Das Ergebnis dieses Prozesses lässt sich nicht vorhersagen oder planen. In dem ist die Orgel eine Windmaschine für das Unverfügbare.

Dieser Resonanzraum, seine Feiervorgänge und seine Windmaschine sorgt für eine planerisch, zielgerichtete Leerstelle, die auf das Unverfügbare, das Geheimnis, das Verbindende ausgerichtet ist. Dieser Resonanzraum ist ein Ort der Störung, die Kunst bringt sich als Störung im Alltag ein, unterhaltend wie irritierend, und ich kehre zur anfangs erwähnten Zumutung zurück, wir müssen uns das Unverfügbare wieder mehr zumuten. Wir brauchen, die Störung, den Diskurs, den Disput, die Auseinandersetzung. Wer der Dissonanz nichts zutraut, braucht auf die Harmonie erst gar nicht hoffen. Und ich sage dies ganz bewusst auch am Vorabend in der kommenden Kulturhauptstadt Europas. Was für ein Glück so ein kulturelles Brennglas zu erwarten, sich etwas zumuten zu lassen, aus dem Konzept zu kommen, um für die Gegenwart neue Möglichkeiten zu finden. Es ist notwendiger denn je in unserer taumelnden Welt. Wir brauchen den Wind, und mitunter ist es nur gut, wenn er uns ins Gesicht bläst, wir können die Perspektive wechseln, und der Gegenwind wird zum Rückenwind. Das erhöht auch die Möglichkeit überraschend und unerwartet ins Staunen zu geraten. Es gibt kein falsches Staunen im richtigen Leben. Staunen ist weder ausdenkbar, noch machbar, es liegt im Bereich des Unverfügbaren.

Wir müssen die Welt, in die Welt aufbrechen, um sie zu verbessern. Es geht um Weltverbesserung und Wiederverzauberung. Was für ein Idealist, höre ich manche denken und erinnere dabei an Hans Magnus Enzensbergers Worte: „Nicht umsonst gilt es bis auf den heutigen Tag als Gipfel der Lächerlichkeit, die Welt verbessern zu wollen, indessen die konträre Anstrengung auf eine gewisse Hochachtung immer rechnen darf.“

Danke, dass Sie mir ihr Gehör geschenkt haben, ihr Geschenk, ihre Resonanz ist mir kostbar. Trauen Sie diesem Raum, dieser wunderbaren Orgel, dem Gegen- wie dem Rückenwind, vor allem aber Ihnen selbst und ihren Atemzügen ungeheuer viel zu – und bleiben Sie maßlos im Schenken von Gehör, nicht zu sondern zwischen den Weihnachtsfesten aller kommenden Jahre, denn auf das Dazwischen, den Zwischenraum kommt es an, nicht auf den Punkt.

Foto: NT